Onomastische Analyse Tibutz -Titibutzien - Lastau
Die eindeutige Lokalisierung von Titibutzien ergibt sich nicht aus einer einzelnen Quelle, sondern aus der konsequenten Zusammenführung schriftlicher, kirchlicher und kartografischer Belege. Im Folgenden wird die Herleitung Schritt für Schritt dargestellt. Die urkundlichen Nennungen erscheinen in unterschiedlichen Schreibvarianten und ohne explizite Lagebeschreibung. Entscheidend ist jedoch, dass der Ortsname wiederholt im Zusammenhang mit eindeutig lokalisierbaren Orten des Colditzer Raumes genannt wird. Diese relationalen Angaben bilden den ersten Anhaltspunkt für eine räumliche Eingrenzung. Titibutzien kann nicht isoliert als Name gedacht werden, sondern als Ort, der in ein bestehendes Siedlung‑ und Verwaltungsgefüge eingebunden war.
Kirchliche Quellen bestätigen diese Einbindung. Die Zuordnung zu stabilen Kirchspielstrukturen erlaubt es, den möglichen Standort weiter einzugrenzen. Erwähnungen von Titibutzien oder seinen Varianten im kirchlichen Kontext stehen in nachvollziehbarer Beziehung zu bekannten Orten und Fluren des Colditzer Umlandes. Damit wird ein kirchlich‑administrativer Raum definiert, innerhalb dessen Titibutzien gelegen haben muss.¹
Die erste schriftliche Fixierung des Namens Titibutzien erfolgte in der Chronik Thietmars von Merseburg, verfasst um 1017, Buch IX, Kap. 20. Dort berichtet Thietmar, dass dem Merseburger Stift die beiden Burgwarde Rochlinti und Titibutzien übereignet wurden.²
Es war üblich, Burgwarde nach dem Ort zu benennen, in dem sie standen. Rochlinti ist eindeutig mit dem heutigen Rochlitz identifizierbar.³ Auch Titibutzien weist eine solche Ortsbindung auf: Die Grundform Tibutz, später Tibutzien, ist sprachlich und siedlungsgeschichtlich belegt. Thietmar musste die Lage der Orte nicht erläutern – sie waren seinen Zeitgenossen bekannt und lagen im unmittelbaren Einflussbereich des Merseburger Bistums.⁴
In den Folgejahren entwickelte sich in unmittelbarer Nähe ein weiterer bedeutender Ort: Cholidistcha, das heutige Colditz. Eine neue Burgward entstand, die erstmals 1046 in einer Schenkungsurkunde Heinrichs III. als Burgward Cholidistcha erscheint.⁵ Die ältere Forschung verneinte lange die Möglichkeit zweier Burgwardzentren in unmittelbarer Nähe. Auch aus heutiger Sicht ist dies unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die Burgward Titibutzien im 11. Jahrhundert ihre Funktion verlor, zur Wüstung wurde und Cholidistcha ihre Aufgaben übernahm. Dieser Funktionswechsel wurde in der Forschung bislang kaum berücksichtigt.
Die Suche nach Titibutzien ist kein lineares Forschungsprojekt, sondern ein interdisziplinärer Prozess, in dem sich verschiedene Fachrichtungen ergänzen. Erst im Zusammenspiel entsteht ein Bild, das groß genug ist, um einen verschwundenen Ort wieder sichtbar zu machen.
Der Name erscheint im 10. und 11. Jahrhundert und geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine slawische Grundform Budzín zurück. Diese bezeichnet entweder den „Ort des Budz“ (Personenname) oder einen „Wachort“ (Funktionsname), abgeleitet vom slawischen buditi – „wecken, aufmerksam machen“.⁶ Die typische slawische Siedlungsendung ‑in / ‑yn blieb in der Form Tibutz erhalten. Eine Siedlung, die am Hang des Burgberges des heutigen Ortes Lastau erbaut wurde. In unmittelbarer Nähe, oberhalb von Tibutzien entstand eine zweite Anlage: eine Burganlage oder Burgwarte, vermutlich zur Kontrolle der Wege‑ oder Muldenübergänge. Diese neue Einrichtung übernahm den Namen des älteren unter der Burg liegenden Ortes. Um beide klar zu unterscheiden, wurde der Burgname lautlich erweitert – aus Tibuzien wurde Ti‑Tibuzien → Titibutzien. Solche Verdopplungen oder Präfixbildungen sind im slawisch‑deutschen Grenzraum des frühen Mittelalters gut belegt und dienen der funktionalen Differenzierung zwischen Mutterort und Tochteranlage.⁷
Tibuzien findet sich auch im Ortnamen Teitzig⁸ wieder. Diese Siedlung an der Mulde, gegenüberliegend von Tibutzien, entstand als die Hangsiedlung am Burgberg und die Burgwart rechts der Mulde aufgegeben wurden. Der Name Tibutzien wurde mitgenommen und dieser wandelte sich in den Ortsnamen Teitzig, dessen heutige Form eine reguläre germanische Lautanpassung des älteren slawischen Namens darstellt. Die räumliche Nähe der beiden Stätten – nur etwa 100 m – und die parallele Namensentwicklung sprechen stark dafür, dass Titibutzien die sekundäre, befestigte Einrichtung eines älteren Siedlungskerns Tibuzien war. Beide Namen bewahren damit ein seltenes sprachliches Echo der slawischen Frühbesiedlung im Muldenraum. Nach der Verlagerung der Machtverhältnisse von Titibutzien in das etwa 3 km entfernte Cholidistcha wurde Titibutzien wie Tibutzien zur Wüstung. Titibutzien lebte fortan nur noch in der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften, in Sagen und Erzählungen weiter. Auch Teitzig wurde im späteren Mittelalter zur Wüstung.
Lastau, von Thietmar erstmals 981 als Lostatawa genannt,⁹ liegt nur rund 500 m von der Burgwarte entfernt und wird hier näher betrachtet. Denn der Ort ist wahrscheinlich älter als die Burgwarte Titibutzien und hat mit mit Tibutzien eine gemeinsame Vergangenheit.
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1 Zur kirchlichen Organisation im Merseburger Sprengel: Ernst Eichler / Hans Walther (Hg.): Ortsnamenbuch des Landes Sachsen, Berlin 1975, S. 268–270.
2 Thietmar von Merseburg: Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (= MGH Scriptores rerum Germanicarum, Nova Series 9), Berlin 1935, Buch IX, Kap. 20.
3 Vgl. Rochlitz in: Eichler/Walther, Ortsnamenbuch, S. 302.
4 Zur regionalen Bedeutung der Burgwarde: Heinrich Magirius: „Burgwardorganisation und frühe Besiedlung im Raum Borna–Rötha“, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 12 (1985), S. 45–68.
5 Ersterwähnung 1046: Codex diplomaticus Saxoniae regiae, Abt. I, Bd. 1, Leipzig 1882, Nr. 128.
6 Jürgen Udolph: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin/New York 1994, S. 45–52.
7 Günter Wartenberg: „Teitzig und die slawischen Ortsnamen im Colditzer Raum“, in: Beiträge zur Namenforschung 32 (1997), S. 201–220.
8 Zur Namensverdopplung im slawisch‑deutschen Grenzraum: Reinhard Olesch: Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, Leipzig 1967, S. 33–36.
9 Thietmar von Merseburg, Chronicon, Buch II, Kap. 17 (Erstnennung Lostatawa).
10 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?query=Lastau&isThumbnailFiltered=true
Analyse der Namen der Orte Tibutz, Titibutzien, Lastau
(noch in Arbeit)
Tibutz ist einer der frühesten nachweisbaren Siedlungsnamen im Raum Lastau–Colditz. Tibutz war der Namensgeber für Titibutzien. Später wandelte sich der Ortsname in Teitzig.
Titibutzien ist der konkrete Ort der den Burgberg Lastau krönt. Er liegt genau im Absstand von jeweils 500 Meter zwischen Tibutz (Wüstung) und Lastau (dem Ort mit Zukunft)
Lastau ist heute ein Ortteil von Colditz. Seine Bewohner sind stolz auf die geschichtliche Einwicklung Ihres Dorfes und auf Titibutzien. Ein Ort, der immer in Ehren gehalten wurde.
