Chronologie
Slawische Besiedlung des Mulde–Elbe–Saale‑Gebiets
Die slawische Besiedlung des mitteldeutschen Raumes zwischen Mulde, Elbe und Saale stellt einen der bedeutendsten Transformationsprozesse der Frühgeschichte Ostmitteldeutschlands dar. Nach dem Zerfall spätantiker Ordnungsstrukturen und dem Abzug germanischer Bevölkerungsgruppen setzte ab dem 6. Jahrhundert eine kontinuierliche Einwanderung westslawischer Gruppen ein, die in den schriftlichen Quellen später als Sorben, Milzener und Daleminzier erscheinen¹.
Die Region bot mit ihren fruchtbaren Auen, Lössböden und zahlreichen Flussübergängen ideale Voraussetzungen für dauerhafte Siedlungsbildung².
Zwischen dem späten 6. und frühen 8. Jahrhundert entstanden erste stabile Siedlungsnetze, bevorzugt entlang der Zwickauer und Freiberger Mulde, der Pleiße sowie der Elbe³. Charakteristisch sind Rundlings‑ und Haufendörfer, die auf systematische Rodungstätigkeit und eine zunehmende agrarische Nutzung der Landschaft hinweisen.
Im 8. und 9. Jahrhundert bildeten sich größere Stammesräume heraus, darunter die Chutizi (Elbe–Mulde), die Nisani (Raum Dresden) und die Daleminzier (Elbe–Mulde–Saale)⁴. Gleichzeitig entstanden zahlreiche Burgwälle, die als lokale Herrschafts‑, Schutz‑ und Kultzentren dienten⁵.
Für viele Orte der Region lässt sich eine Besiedlung spätestens im 8.–9. Jahrhundert annehmen. Dies betrifft u. a. Lostatawa (Lastau), Vurcin (Wurzen), Ilburg (Eilenburg), Pauc (Pouch), Liubanici, Dibni, Bigni, Cotug, Scudici und Gezerisca⁶.
Die Erwähnung dieser Orte in der Chronik Thietmars von Merseburg um 1015 belegt ihre Existenz, setzt aber eine deutlich frühere Gründungszeit voraus⁷.
Alle diese Orte existierten sicher um 1015, als Thietmar schrieb – also müssen sie mindestens 100–200 Jahre älter sein.
Lokale Frühphase: Teitzig – Titibutzien – Lastau
Besonders im Raum Colditz–Lastau verdichten sich die Hinweise auf eine sehr frühe slawische Siedlungsphase.
Der Ort Teitzig (Tibuz/Tibuzin), unmittelbar an der Mulde gelegen, gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den ältesten slawischen Gründungen der Region⁸.
Seine Lage an einem strategisch wichtigen Flussübergang und an der Hangkante über der Mulde entspricht exakt den Mustern frühslawischer Siedlungswahl.
Unmittelbar oberhalb von Teitzig befand sich die Burg Titibutzien, deren Standort nur etwa 500 m entfernt liegt.
Die topographische Situation – ein beherrschender Sporn über dem Fluss, mit Sichtbezug zu Teitzig – spricht dafür, dass Teitzig und Titibutzien als zusammengehöriges frühes Siedlungs‑ und Befestigungssystem entstanden sind⁹.
Die Burg dürfte zu den ersten slawischen Wallanlagen im Gebiet gehört haben und möglicherweise als lokales Zentrum eines Burgwards fungiert haben¹⁰.
Das Dorf Lastau, ebenfalls nur rund 500 m von Titibutzien entfernt, liegt auf der Hochebene hinter der Burg.
Die Ausrichtung des Wallburg‑Ausgangs in Richtung Lastau ist archäologisch und topographisch plausibel und deutet darauf hin, dass Lastau erst nach Teitzig und Titibutzien gegründet wurde¹¹.
Die wahrscheinlichste Entstehungsreihenfolge lautet daher:
- Teitzig – frühe slawische Siedlung an der Mulde
- Titibutzien – frühslawische Wallburg, vermutlich zeitnah zu Teitzig errichtet
- Lastau – spätere Erweiterung auf der Hochfläche, im Schutz der Burg
Diese lokale Sequenz fügt sich nahtlos in das überregionale Muster ein, wonach Flussniederungen zuerst, Hochflächen erst später besiedelt wurden¹².
Integration und Ostsiedlung
Mit der Herrschaft Heinrichs I. und Ottos I. begann im 10. Jahrhundert die politische und militärische Integration der slawischen Gebiete in das ostfränkisch‑deutsche Reich.
Die Gründung der Bistümer Merseburg, Zeitz und Meißen (968) markiert einen entscheidenden Schritt der kirchlichen Organisation und Christianisierung¹³.
Dennoch blieben slawische Siedlungsstrukturen, Ortsnamen und Rechtsformen bis weit ins 11. Jahrhundert hinein bestehen.
Zwischen dem 12. und frühen 13. Jahrhundert setzte die sogenannte deutsche Ostsiedlung ein, die zu einer tiefgreifenden Transformation der Region führte:
- neue Dörfer entstanden in Waldgebieten,
- bestehende slawische Siedlungen wurden in das deutsche Lehns‑ und Verwaltungssystem integriert,
- die kirchliche Organisation wurde vereinheitlicht¹⁴.
Die slawische Sprache verschwand im Mulden‑ und Elberaum weitgehend, blieb jedoch in der Lausitz bis heute erhalten.
Die Besiedlung des Mulde‑Elbe‑Saale‑Gebiets war damit spätestens um 1200 abgeschlossen.
Danach kam es nur noch zu innerer Verdichtung, nicht mehr zu Neugründungen.
Die slawischen Ortsnamen blieben jedoch als sprachliche Relikte erhalten und bilden bis heute ein wichtiges kulturhistorisches Zeugnis der frühmittelalterlichen Bevölkerungsgeschichte Mitteldeutschlands.
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¹ Joachim Herrmann: Die Slawen in Deutschland, Berlin 1985, S. 45–62.
² Ebd., S. 63–70.
³ Václav Šmilauer: Osídlení Čech ve světle místních jmen, Prag 1960.
⁴ Ernst Eichler / Hans Walther: Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße, Bd. 1, Leipzig 1975.
⁵ Herrmann, Frühmittelalterliche Siedlungsstrukturen in Mitteldeutschland, Berlin 1990.
⁶ Ortsnamenliste nach Thietmar von Merseburg: Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (= MGH SRG N.S. 9), Berlin 1935.
⁷ Thietmar, Chronicon, Buch VI–VIII.
⁸ Dieter Kobuch: Meißnisch‑sächsische Mittelalterstudien, Leipzig 1998, S. 195–200.
⁹ Otto Braasch: Luftbildarchäologie in Mitteleuropa, Stuttgart 1996.
¹⁰ Herrmann, Die frühdeutschen Burgwarde, Berlin 1968.
¹¹ Topographische Analyse nach Eichler/Walther, a.a.O.
¹² Herrmann, Frühmittelalterliche Siedlungsstrukturen, a.a.O.
¹³ Gerd Althoff: Otto der Große, Darmstadt 2012.
¹⁴ Walter Schlesinger: Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters, München 1961.
